Geschäftsleitungen, die delegiert haben und trotzdem täglich in operative Entscheidungen eingebunden sind. Führungskräfte, die fragen, obwohl sie entscheiden könnten. Entscheidungen, die immer wieder oben landen, egal wie oft das Thema Eigenverantwortung besprochen wurde.
Dieses Muster ist in Unternehmen weit verbreitet. Und es wird fast immer falsch diagnostiziert.
Die naheliegende Erklärung greift zu kurz
Die häufigste Reaktion: Man sucht das Problem bei den Personen. Fehlende Entscheidungsfreude. Ungenügende Führungsreife. Mangelndes Selbstvertrauen auf den mittleren Ebenen.
Diese Diagnose ist bequem. Sie macht das Problem zur individuellen Schwäche und entlastet das System.
In meiner Beratungsarbeit mit Geschäftsleitungen erlebe ich es fast nie so. Was ich stattdessen sehe: Führungskräfte, die nicht genau wissen, was sie entscheiden dürfen. Die gelernt haben, dass bestimmte Entscheidungen still von oben korrigiert werden und deshalb lieber vorher fragen. Die in einer Umgebung arbeiten, in der Eigeninitiative mehr Risiko als Rückhalt bedeutet.
Das ist ein Systemthema, kein individuelles Führungsthema.
Drei Ursachen hinter dem Muster
Ungeklärte Entscheidungskompetenzen. In vielen Unternehmen existiert Delegation auf dem Papier und nicht in der Praxis. Wer darf was entscheiden? Ab welchem Betrag, welcher Tragweite, welcher Unsicherheit muss eskaliert werden? Diese Fragen sind selten präzise beantwortet. Wo Unklarheit herrscht, entscheidet man lieber nicht oder fragt nach oben. Diese Dynamik beschreibe ich auch im Beitrag Warum Delegation scheitert.
Implizite Korrektur von Entscheidungen. Wenn Führungskräfte merken, dass ihre Entscheidungen regelmässig still revidiert werden, durch Kommentare, durch Nachfragen, durch das Übergehen von Ergebnissen, lernen sie schnell: Die Entscheidung liegt ohnehin oben. Also gehen sie direkt dorthin. Das ist Anpassung an eine gelernte Realität.
Fehlende Sicherheit für Fehlentscheide. Entscheidungen unter Unsicherheit bedeuten, dass man auch falsch liegen kann. Wer in einem Umfeld arbeitet, in dem Fehler sichtbar gemacht und negativ bewertet werden, vermeidet Entscheidungen, besonders die schwierigen. Die Konsequenz: Sie wandern nach oben zu jemandem, der das Risiko tragen kann.
Wie Geschäftsleitungen das Muster selbst verstärken
Das eigentliche Thema ist selten Führungsschwäche auf den mittleren Ebenen. Es ist der Umstand, dass Geschäftsleitungen häufig unbewusst selbst dazu beitragen, dass Entscheidungen zu ihnen wandern.
Durch zu schnelle Antworten, wenn Mitarbeitende eskalieren. Durch das Eingreifen in Entscheidungen, die längst delegiert waren. Durch Signale, manchmal ohne Worte, dass die eigene Einschätzung die massgebliche ist.
Das sind gut gemeinte Reflexe mit einer klaren Konsequenz: Sie entwöhnen Führungskräfte vom Entscheiden und erzeugen langfristig genau das Muster, das sie verhindern sollen.
Erkennen, Benennen, Anerkennen, Verändern
Erkennen: Wie viele Entscheidungen landen tatsächlich bei der Geschäftsleitung, und welche davon wären eigentlich auf einer anderen Ebene zu treffen? Diese Bestandsaufnahme ist der erste Schritt.
Benennen: Das Muster offen ansprechen, im Führungsteam, in der Geschäftsleitung, mit den betroffenen Führungskräften. Als Systembeobachtung, ohne Schuldzuweisung.
Anerkennen: Die eigene Rolle im Muster anerkennen. Das ist der schwierigste Schritt. Er verlangt die ehrliche Frage: Was trage ich dazu bei, dass Entscheidungen zu mir wandern?
Verändern: Konkrete Strukturen schaffen. Entscheidungskompetenzen klar definieren, schriftlich, nachvollziehbar, verbindlich. Räume schaffen, in denen Fehlentscheide möglich sind, ohne dass sie zur Karrieregefahr werden.
Was Geschäftsleitungen jetzt tun können
Landet jede schwierige Entscheidung beim CEO, ist das häufig ein Hinweis auf ungeklärte Verantwortung im System.
Die Frage, die sich lohnt, lautet deshalb nicht: Warum entscheiden unsere Führungskräfte zu wenig? Sondern: Was in unserem System macht es für sie rational, nicht zu entscheiden?
Die Antwort darauf ist fast immer aufschlussreicher als jede Führungskräfteentwicklungsmassnahme.
Wenn Sie dieses Muster in Ihrem Unternehmen erkennen und einen strukturierten Blick von aussen suchen, sprechen Sie mich an. Ich begleite Geschäftsleitungen dabei, Entscheidungsverantwortung dort zu verankern, wo sie hingehört.

