Mentale Arbeitsfähigkeit

Kognitive Leistungsfähigkeit ist trainierbar: Was das für Führung unter Druck bedeutet

23. September 2026·Ergoarchipel
Kognitive Leistungsfähigkeit ist trainierbar: Was das für Führung unter Druck bedeutet – KI-generiertes Symbolbild
Symbolbild – mit künstlicher Intelligenz erstellt

Wer täglich unter erheblichem Zeitdruck komplexe Entscheidungen trifft, geht meist davon aus, dass die eigene kognitive Kapazität eine gegebene Grösse ist. Neuere Forschungsbefunde zeichnen ein anderes Bild. Kognitive Leistungsfähigkeit ist messbar und veränderbar, damit ist sie eine Führungsressource, die aktiv gestaltet werden kann.

Befunde aus einer Längsschnittstudie

Eine Längsschnittstudie von Cook et al., erschienen in Scientific Reports, begleitete über drei Jahre 3.966 Erwachsene. Im Fokus standen Gedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit und exekutive Kontrolle. Das zentrale Ergebnis: Kognitive Gesundheit im Erwachsenenalter folgt keinem vorgegebenen Muster, sie ist durch gezielte Interventionen aktiv verlängerbar. Schlaf, Stressregulation, Lernen und Bewegung beeinflussen diesen Zeitraum messbar. Wie stark Bewegung dabei wirkt, habe ich in Bewegung als Denkwerkzeug beschrieben.

Parallel dazu entwickelt das Fraunhofer IAO ab Herbst 2026 ein neurowissenschaftliches Programm für C-Level-Führungskräfte. Der Hintergrund: Unsicherheit, hoher Zeitdruck und wachsende Komplexität prägen den Alltag vieler Menschen im Top-Management.

Vom Wissen zur Priorisierung

Aus meiner Arbeit kenne ich eine Reaktion, die fast automatisch kommt: Ich weiss das alles, ich komme nur nicht dazu. Das Problem liegt selten im Wissen, es liegt in der Priorisierung. Kognitive Ressourcen werden in vielen Unternehmen wie ein unendliches Gut behandelt: verplant, fragmentiert, unter Dauerzugriff gestellt.

Beobachtungsstudien aus der Arbeitsforschung zeigen, dass Wissensarbeitende im Durchschnitt alle fünf bis zehn Minuten zwischen Aufgaben, Kanälen oder Themen wechseln. Besonders strategisches Denken leidet unter permanenten Unterbrechungen, mit direkten Konsequenzen für die Qualität von Führungsentscheidungen. Verwandt dazu: Aufmerksamkeit als eigentlicher Engpass.

Grenzen individueller Disziplin

Systeme, die strukturell Fragmentierung erzeugen, also zu viele Meetings, zu viele Entscheidungen auf der falschen Ebene und zu wenig Fokuszeit, lassen sich durch individuelle Disziplin allein nicht dauerhaft ausgleichen.

Andreas Gruber vertritt die Auffassung, dass kognitive Arbeitsfähigkeit eine Führungsressource ist und dass Führungskräfte, die sie nicht aktiv managen, langfristig schlechtere Entscheidungen treffen, ohne es zu bemerken. Das Modell Orientierung, Handlung, Beziehung, Regeneration macht deutlich: Regeneration ist ein strukturell notwendiger Bestandteil von Handlungsfähigkeit. Wer sie weglässt, zahlt den Preis später, aber er zahlt ihn.

Drei Fragen für die eigene Praxis

Wann im Tages- oder Wochenverlauf treffe ich komplexe Entscheidungen, und ist das der richtige Zeitpunkt? Welche Routinen schütze ich aktiv, welche lasse ich erodieren? Was wäre anders, wenn ich meine kognitive Kapazität als begrenzte Ressource behandle?

Wenn Sie diese Fragen für sich und Ihr Führungsteam systematisch bearbeiten möchten: Coaching für Führungspersönlichkeiten oder direkt Kontakt aufnehmen.

Quellen: Cook et al. (2026), Scientific Reports; Fraunhofer IAO, Pressemitteilung Cortex Circle, Juli 2026; Leroy, S. (2009), Attention Residue, Organizational Behavior and Human Decision Processes.