Mentale Arbeitsfähigkeit

Pausen als Führungsstärke: Was die Forschung über Erholung und Führungsqualität zeigt

14. Oktober 2026·Andreas Gruber
Pausen als Führungsstärke: Was die Forschung über Erholung und Führungsqualität zeigt – KI-generiertes Symbolbild
Symbolbild – mit künstlicher Intelligenz erstellt

In vielen Führungskulturen gilt Erschöpfung als Zeichen von Einsatz. Die kognitionswissenschaftliche Forschung zeichnet ein anderes Bild: Kognitive Erholung ist eine Voraussetzung für Entscheidungsqualität, Kreativität und strategisches Denken. Wer Pausen systematisch übergeht, optimiert kurzfristig und verliert langfristig an Qualität. Das ist ein strukturelles Thema, und es lässt sich strukturell lösen.

Die Kultur, die Erschöpfung belohnt

In vielen Führungsetagen wirkt eine unausgesprochene Überzeugung: Wer am meisten arbeitet, zeigt am meisten Einsatz. Wer abends noch antwortet, beweist Commitment. Wer Ferientage ansammelt, beweist Unentbehrlichkeit.

Diese Überzeugung zeigt sich in Bemerkungen am Rande, in Reaktionen auf Abwesenheit und in der Art, wie über Überlastung gesprochen wird: als Ehrenabzeichen statt als Signal für ein strukturelles Problem.

Die Frage dahinter ist empirisch. Und die Forschung zeigt konsistent: Dauerhaft überlastete Führungskräfte treffen systematisch schlechtere Entscheidungen.

Erkenntnisse der Kognitionsforschung

Stephen Kaplan hat mit der Attention Restoration Theory gezeigt, dass menschliche Aufmerksamkeit erschöpfbar ist und sich unter bestimmten Bedingungen wieder aufbaut (Kaplan, 1995). Kognitive Erholung braucht Abstand vom fokussierten, zielgerichteten Denken. Ein Spaziergang, ein Gespräch ohne Agenda oder eine Tätigkeit ohne Ergebniserwartung stellen die Aufmerksamkeit wieder her, die komplexe Entscheidungen benötigen.

Roy Baumeister und Kollegen haben mit dem Konzept der Ego Depletion beschrieben, dass Selbstkontrolle und Entscheidungsfähigkeit auf einer gemeinsamen, begrenzten Ressource beruhen (Baumeister et al., 1998). Wer über lange Zeit viele Entscheidungen ohne Erholungsphasen trifft, entscheidet am Ende des Tages schlechter als am Morgen.

Für den Führungsalltag heisst das: Die schwierigste Entscheidung des Tages gehört an den Anfang. Und wer keine Erholungsphasen in den Arbeitstag integriert, setzt seine Energie an der falschen Stelle ein. Vertiefend dazu: Das Gehirn schläft nie wirklich.

Schlaf und Entscheidungsqualität

Matthew Walker hat gezeigt, dass Schlafmangel die Funktion des präfrontalen Kortex beeinträchtigt, also jenes Bereichs, der für Planung, Impulskontrolle und komplexe Entscheidungen zuständig ist (Walker, 2017).

Für Führungskräfte ist dabei eines besonders relevant: Schlafmangel schwächt die Fähigkeit, Risiken realistisch einzuschätzen, langfristige Folgen zu durchdenken und Emotionen zu regulieren. Gleichzeitig sinkt das Gespür für die eigene Einschränkung. Wer zu wenig schläft, merkt oft kaum mehr, wie stark seine Entscheidungsqualität gelitten hat. Einen verlässlichen inneren Sensor dafür gibt es leider nicht.

Gründe, weshalb sich wenig ändert

Die Forschungslage ist eindeutig, und doch ändert sich wenig. Dafür gibt es strukturelle Gründe.

Führungskräfte werden für Ergebnisse beurteilt, selten für die Qualität ihrer Entscheidungsprozesse. Kurzfristig korrelieren Ergebnisse oft mit Einsatz. Wer mehr Stunden investiert, produziert mehr Output, bis zum Punkt der Erschöpfung. Dieser Punkt kommt später als gedacht und früher als bemerkt.

Hinzu kommt, dass sichtbare Pausen kulturell riskant sind. Wer um 17 Uhr das Büro verlässt, riskiert den Eindruck mangelnden Engagements, selbst wenn er produktiver war als der Kollege, der um 20 Uhr noch am Schreibtisch sitzt.

In meiner Arbeit beobachte ich: Die Führungskräfte, die am bewusstesten auf Erholung achten, leisten selten am wenigsten. Sie haben gelernt, dass ihre Qualität entscheidet, ihre Stundenzahl weit weniger. Und dass diese Qualität eine Ressource ist, die aktiv bewirtschaftet werden will.

Drei Ansätze für die Praxis

Die Entscheidungsarchitektur bewusst gestalten. Schwierige, folgenreiche Entscheidungen auf den Morgen legen, wenn die kognitive Ressource noch voll ist. Routineentscheidungen auf den Nachmittag verschieben oder delegieren. Diese einfache Verschiebung hebt die Qualität der wichtigsten Entscheidungen ohne zusätzlichen Aufwand.Mikropausen strukturieren. Als Produktivitätsstrategie verstanden, verbessern zehn Minuten ohne Bildschirm und ohne Agenda zwischen intensiven Arbeitsphasen die Qualität der folgenden Arbeit messbar. Was wie Verlust aussieht, ist eine Investition.Schlaf als Führungsthema verstehen. Schlaf ist eine Frage der Entscheidungsverantwortung. Wer weiss, dass seine Entscheidungen nach sechs Stunden Schlaf systematisch schlechter ausfallen, und diese Qualität dennoch Mitarbeitenden, Kunden und Unternehmen zumutet, trägt dafür Verantwortung. Mehr dazu im Beitrag Der innere Taktgeber.

Kognitive Erholung ist eine Voraussetzung für Entscheidungsverantwortung. Wer systematisch erschöpft führt, überlässt seine Entscheidungsqualität dem eigenen Erschöpfungsgrad.

Was das für Ihre Führungsarbeit bedeutet

Entscheiden Sie zunehmend reaktiv, und führt der Tag Sie öfter als Sie den Tag? Das ist selten eine Frage der Disziplin. Meistens fehlen im Alltag die strukturellen Bedingungen für kognitive Erholung. Diese lassen sich mit wenig Aufwand gestalten, wenn die klare Entscheidung fällt, sie zu priorisieren. Im Coaching für Führungskräfte entwickeln wir solche Strukturen gemeinsam.

Möchten Sie über Führungsqualität und Entscheidungsfähigkeit sprechen? Vereinbaren Sie ein Erstgespräch.

Quellen: Kaplan, S. (1995). The Restorative Benefits of Nature. Journal of Environmental Psychology, 15(3), 169–182. · Baumeister, R. F., Bratslavsky, E., Muraven, M. & Tice, D. M. (1998). Ego Depletion: Is the Self a Limited Resource? Journal of Personality and Social Psychology, 74(5), 1252–1265. · Walker, M. (2017). Why We Sleep. Scribner.