Entscheidungen

Wann Warten zur Führungsentscheidung wird

05. Oktober 2026·Andreas Gruber
Wann Warten zur Führungsentscheidung wird – KI-generiertes Symbolbild
Symbolbild – mit künstlicher Intelligenz erstellt

Dieser Beitrag basiert auf meinem Gastkommentar in BusinessClass Ost. Den Originalartikel finden Sie hier: «Wann Warten zur Führungsentscheidung wird».

58,7 Prozent der Ostschweizer Unternehmen sehen die Unsicherheit über geltende Handelsbestimmungen als Risiko, 52,2 Prozent nennen höhere Zölle. Gleichzeitig rechnen 37 Prozent damit, als verlässlicher und neutraler Handelspartner zusätzlichen Umsatz zu gewinnen. Das zeigt die Ostschweizer Auswertung des Raiffeisen-Chancenreports 2026 mit 46 beteiligten Unternehmen aus der Region.

Genau diese Mischung aus Risiko und Chance macht Unsicherheit für Führung so anspruchsvoll. Sie öffnet Spielräume. Wer sie nutzen will, braucht einen klaren Entscheidungsprozess. Oft liegt die eigentliche Herausforderung in einer einzigen Frage: Wie lange darf man noch prüfen, bevor aus Prüfung Verzögerung wird?

Mehrere Wege, keiner ganz sicher

Im August stand ich an einem Kongress in New York auf der Bühne. Nach dem Vortrag buchte mich ein CEO für einen halben Beratungstag. Den konkreten Fall behalte ich für mich. Ein Punkt daraus lässt sich jedoch auf viele Führungssituationen übertragen: Es lagen mehrere Handlungsoptionen auf dem Tisch, und jede davon war mit Unsicherheit verbunden.

In solchen Momenten wirken zusätzliche Informationen beruhigend. Eine weitere Auswertung, ein zusätzliches Szenario, noch eine Einschätzung. All das ist wertvoll, solange es die Entscheidung tatsächlich verändern kann. Sobald diese Chance fehlt, wird Analyse zum Aufschub.

Schweizer KMU können entscheiden

Der NZZ-KMU-Barometer 2026 zeichnet ein klares Bild: 49 Prozent der 495 befragten Führungspersonen beschreiben ihr Vorgehen in der letzten grösseren Krise als pragmatisch und intuitiv, 43 Prozent als strukturiert und faktenbasiert. Lediglich knapp neun Prozent berichten von zögerlichen oder unkoordinierten Reaktionen.

Bei grundlegenden Veränderungen des Geschäftsmodells zeigt sich ein anderes Muster. 43 Prozent rechnen mit mindestens einem Jahr, nur 27 Prozent trauen sich eine Umstellung innerhalb von sechs Monaten zu. Unter akutem Druck handelt die Mehrheit zügig. Anspruchsvoller wird es, solange noch Wahlmöglichkeiten bestehen und niemand von aussen einen Termin setzt.

Die entscheidende Informationsfrage

Für Führungsteams hilft eine einfache Prüffrage: Welche zusätzliche Information könnte unsere Entscheidung noch verändern? Gibt es darauf eine konkrete Antwort, lohnt sich die Beschaffung. Bleibt die Antwort vage, ist ein zweiter, ehrlicher Blick angebracht.

Ebenso zentral ist die Reversibilität. Eine Übernahme, ein Standortentscheid oder eine grosse Investition verlangen eine sorgfältige Absicherung. Ein Pilotprojekt, eine organisatorische Anpassung oder ein neuer Vertriebsweg lassen sich nach einigen Wochen korrigieren. Je umkehrbarer ein Schritt ist, desto eher lohnt es sich, ihn zu gehen, auch ohne vollständige Gewissheit. In komplexen Märkten bleibt diese ohnehin aus.

Auch Warten hat einen Preis

Entscheidungsvorlagen beschreiben die Risiken des Handelns meist detailliert. Die Risiken des Wartens bleiben oft unscharf, obwohl sie sehr konkret sein können: Ein Projekt startet später, ein Team arbeitet länger mit Provisorien, ein Kunde orientiert sich neu, ein Wettbewerber sammelt früher Erfahrung.

Deshalb gehört für mich eine zweite Frage in jede grössere Entscheidung: Was verändert sich, wenn wir drei Monate lang nichts entscheiden? Diese Perspektive erhöht keinen Druck. Sie macht sichtbar, dass Abwarten ebenfalls eine Handlungsoption mit Folgen ist. Mehr dazu, wie Blockaden entstehen, lesen Sie im Beitrag Entscheidungsblockaden in Unternehmen.

Entscheidungsfähigkeit braucht Klarheit

Der Rhema-Gewerblertag 2026 stand unter dem Leitthema «Handeln statt abwarten – Führung zwischen Risiko und Vertrauen». Das trifft einen Nerv in der Ostschweiz. Die Unternehmen der Region sind international verflochten, spüren Handelskonflikte und regulatorische Unsicherheit und erkennen darin zugleich neue Chancen.

Gute Führung benennt Unsicherheit offen. Sie bereitet einen Entscheid so weit vor, dass die offenen Punkte bekannt sind, die Risiken tragbar bleiben und klar ist, wer Verantwortung übernimmt. Dann ist ein nächster Schritt sinnvoll, auch wenn die Zukunft noch Fragen offenlässt. Wie Druck dabei das Denken beeinflusst, beschreibe ich im Beitrag Entscheidungsdruck und Qualität.

Wer zu lange wartet, gibt Gestaltungsspielraum ab. Und dieser Spielraum ist in unsicheren Zeiten oft wertvoller als die Hoffnung auf einen vollständig abgesicherten Entscheid.

Begleitung für Ihr Führungsteam

Sie stehen vor einer Entscheidung, die sich seit Wochen hinzieht? In der Beratung für Unternehmen und im Coaching für Führungskräfte schaffen wir gemeinsam die Klarheit, die einen tragfähigen nächsten Schritt möglich macht. Vereinbaren Sie ein Erstgespräch.

Originalbeitrag: Gastkommentar von Andreas Gruber in BusinessClass Ost.